The Stranger
The Stranger

Hart und erbarmungslos klatsche der Regen auf die Strassen von Tokio. Die Stadt lag da wie ausgestorben. Niemand hatte das Bedürfnis bei diesem Wetter nach draußen zu gehen. Die Leute verbrachten diesen trüben Nachmittag in den Cafés oder im Einkaufzentrum, im Kino oder im Botanischen Garten. Das monotone Strömen des Regens wurde jäh unterbrochen als schnelle Schritte über den Asphalt klangen. „Was musstest du auch deinen Regenschirm vergessen“ Artemis, die sprechende weiße Katze lief neben seiner langjährigen Gefährtin durch den Regen. Man sollte meinen, dass jahrelanger Kampf eine vernünftige und vor allem erwachsene Frau hervorgebracht hatte. Innerlich seufzte Artemis über die Entwicklung seines Schützlings. Satt in Würde und Anmut ihr Leben zu führen, machte sie dem Lebensstil von Bunny alle Ehre und schien einen Kampf auszutragen, wer von ihnen beiden die Dümmste und Schusseligste ist.

Minako hingegen ignorierte das Kommentar der Katze und sprintete um eine Ecke. Sie hatte die Laterne zu spät gesehen und krachte nun mit voller Wucht dagegen.

Typisch… das war das treffende Wort, welches Artemis durch den Kopf schoss. Er wollte gerade zu seiner Moralpredigt ansetzen, als Minako sich bereits zu ihm umdrehte und ihn böse anfunkelte. „Spar dir dein Kommentar“, schrie sie ihn an. Bevor er auch nur ein Wort erwidern konnte, war sie aufgesprungen und lief davon. Was war denn in sie gefahren?

Das Gestänge der Schaukel quietschte und unterbrach die Geräusche des Regens auf unheimliche Weise. Heiße Tränen brannten in ihren Augen. Sie hatte Artemis schon immer auf ganzer Linie enttäuscht. Aber musste er ihr das immer so erbarmungslos vorhalten? Sie hatte auch Gefühle. Wütend rieb sie sich die Tränen aus den Augen. Sie legte den Kopf in den Nacken und genoss die Kühle des Regens auf ihrem Gesicht.

Die Kämpfe waren vorbei. Nichts erfüllte sie mehr. In Zeiten der Gefahr hatte sie sich nützlich gefühlt und eine Aufgabe gehabt. Das war nun vorbei. Ihren Traum ein Star zu werden, hatte sie seitdem auch nicht weiterverfolgt. Sie fühlte sich als Außenseiter. Rei hatte den Tempel, Amy das Studium, Makoto ihr Geschäft und Bunny, die hatte Mamoru. Sie selbst hatte nichts und niemanden, nur eine nervige Katze, die ständig Moralpredigten hielt. Sie merkte gar nicht, wie sich immer wieder neue Tränen mit dem Regen vermischten und ihr Gesicht hinunter liefen.

„Entschuldigung“

Da war sie… eine sanfte Stimme der Hoffnung, die Mühelos das Getose des Windes und den Lärm des Regens übertönte. Minako schlug die Augen auf und drehte sich langsam nach der Stimme um. Sie hatte alles erwartet, doch nicht jenen anmutigen starken Körper, dieser wachsame alles durch dringenden Blick. Die Muskeln seiner Brust zeichneten sich unter dem nassen weißen Hemd ab. Das dunkle Haar klebte ihm strähnig im Gesicht.

Ihr Mund war trocken. Unfähig zu reden, starrte sie den Fremden an, als erneut seine Stimme erklang.

„Entschuldigen Sie, ich wollte sie nicht stören, doch da sie ebenso ohne Schirm sind, wie ich und sie darüber hinaus auch noch wunderschön aussahen, musste ich einfach herkommen.“

Ein Traum, ja ein Traum. Das war die einzige Erklärung. Behutsam erhob sie sich, um diese Illusion nicht zu zerstören. Der Fremde kam auf sie zu und nahm ihre Hand. Durch die Schaukel getrennt, sah sie in seine dunklen Augen. Es spielte keine Rolle, wer er war oder wer sie selbst war. Sie wollte diesen magischen Augenblick genießen. Der Fremde beugte sich vor und ließ seine warmen weichen Lippen über die ihren Streichen. Sie roch seinen Duft und sog ihn in sich auf. Der Fremde verharrte. „Ich mache so was normalerweise nicht, nicht das sie denken…“, doch Minako schüttelte leicht den Kopf und senkte ihre Lippen auf die seinen. Sie spürte, wie seine Hände ihre Hüfte eroberten, sie so gut es ging an sich zogen, um dann mit einer unwirschen Bewegung die Schaukel beiseite zu schieben. Sein Körper war hart und doch so weich und einladend. Sie schmiegte sich an ihn, ließ sich fallen in dieser Umarmung. Langsam öffneten sich ihre Lippen, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben. Seine Hand glitt durch ihr nasses verklebtes Haar an ihren Hinterkopf.

Sie fühlte sich geborgen und beschützt in diesen fremden Armen. Ihre Gedanken waren erfühlt von seinem Duft, seiner Umarmung und seinen berauschenden Küssen. Sie hatte das Gefühl stundenlang mit dieser Empfindung dahin zu treiben.

Wie auf ein Zeichen lösten sie sich gleichzeitig voneinander. Ohne ein Wort trennten sie sich und gingen ihrer Wege. Sie wusste beide, dass sie sich wieder sehen würden. Und sei es beim nächsten Regen in diesem Park.

Wochen vergingen ohne dass sie ihn wieder sah. Das Wetter war trocken und sonnig und der nächste Regen würde wohl noch ein wenig auf sich warten lassen. Minako war bewusst, dass sie sich in diesen ihr völlig fremden Mann verliebt hatte. Sie lebte vor sich hin und wartete, wartete auf die Wolken, auf den Wind und vor allem auf den Regen.

Mitten in der Nacht erwachte sie. Sie hatte schlecht geträumt. Als sie sich aufsetzte, hörte sie es… das vertraute Geräusch, wenn Regen an die Fensterscheibe schlug. Lautlos glitt sie aus dem Bett und ging nach draußen. Der Park war nur einen Block entfernt. Barfuss lief sie dort hin. Obwohl es nur ein paar Meter waren, ging ihr Atem schnell und hastig, als sie an der Schaukel eintraf.

Ihre Blicke trafen sich gleichzeitig. Sie stürmten aufeinander zu, schlangen die Arme umeinander und versanken in einem tiefen Kuss. Seine Hände wanderten begierig über ihren Rücken. Sie spürte seine Lust und wusste selbst, dass sie ihn wollte.

Hätte man sie beobachtet, hätte man nicht sagen können, ob es eine oder zwei Personen waren, die dort innig zu Boden sanken. Man sah nur eine perfekte Ergänzung zweier Körper, die sich liebten.

Minako spürte seine Hände, wie sie ihren Körper erkundeten, wie seine Lippen über sie glitten auf der Suche nach noch mehr Lust. Als er sie fand, bäumte sie sich ihm entgegen und empfing das größte Gefühl dieser Welt. Sie spürte nur noch ihn, seine Hände, seine Lippen. Dann füllte er sie vollkommen aus.

Der Wind verschluckte die lustvollen Laute und die süßen Worte der Liebe.

Wie an ihrem ersten Abend trennten sie sich ohne ein Wort.

Minako erwachte am anderen Morgen mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen. Fröhlich und gut gelaunt machte sich sie fertig, um die Mädchen heute zu treffen. Tage zuvor, war dieses Treffen geplant worden. Nachdem sie etwas gegessen hatte, schnappte sie ihre Schlüssel und stürmte freudig aus dem Haus. Die Stufen zu Reis Tempel nahm sie mit Leichtigkeit. Als sie Reis Wohnung betrat, sah sie, dass Amy ebenfalls schon eingetroffen war. „Hallo miteinander!“ sagte sie fröhlich. Amy antwortete ihr etwas unwirsch, denn ihr Blick war auf den Fernseher geheftet, der gerade die Nachrichten zeigte. Amy wie sie leibt und lebt. Lächelnd setzte sie sich neben sie und schaute ebenfalls zu. Von der gegenwärtigen Situation der Finanzkrise verstand sie allerdings nicht wirklich etwas. Der Bericht ging vorüber und der Nachrichtensprecher erschien erneut. Es war ein Mord geschehen, der Täter schon gefasst, doch das Motiv schien der Kerl nicht auszuspucken. Dann wurden die Wohnung und ein Bild des Opfers eingeblendet. Minakos Lächeln gefror, ihr Stockte der Atem. Ihr Puls dröhnte in ihren Ohren und ihr Blick verschwamm. Ihr ganzer Körper zitterte. Amy drehte sich zu ihr um und blickte in das Gesicht einer völlig verstörten Minako. Erst als der Bericht vorbei war, gellte ein Schrei durch die Wohnung, über den Platz des Tempels. Weinend und schluchzend sank Minako in Amys Arme. Wie von weit weg drangen noch weitere Stimmen an ihr Ohr. Die Stimmen der Mädchen, die durch ihren Schrei die restlichen Stufen zum Tempel hinaufgelaufen waren und nun in der Wohnung standen.

Doch sie würde ihnen nicht erklären, woher sie ihn kannte. Sie würde sich nicht die maßregelnden Worte anhören. Sie trocknete ihre Tränen und sammelte sich wieder. Sie wollte nur noch nach Hause, wollte um diesen Mann trauern mit dem sie niemals ein Leben würde haben können. Und sie würde sich schwören niemals wieder so zu lieben, so spontan und frei.

Da klopfte es plötzlich an der Tür. Drei bekannte Gesichter schoben sich in die Wohnung. Als Minako einem der drei mit den tief grünen Augen ansah, wusste sie, dass es noch jemand anderes in ihrem Leben geben konnte. Jemanden den sie kannte, mit dem sie eine Geschichte verband, ein Kapitel ihres Lebens. Dass die Threelights wieder auf der Erde waren, erfreute alle, doch Minako gab es Hoffnung, Hoffnung, dass sie noch einmal so lieben könnte.

Doch immer wenn es regnete, dachte sie an jenen Mann im Park.